Siegelabdruck des Ringes von Joachim Ringelnatz mit Geheimzeichen
roter Siegellack
Maße: Dm 2 cm
Aus der Sammlung Fritz Schirmer
Inv.-Nr.: VIII574A
„Ach, überall spüre ich die geheimnisvollen Beziehungen zwischen Einst und Jetzt. Lesen Sie meine Gedichte fünfhundertmal hintereinander, und Sie werden immer wieder neue solche Anzeichen entdecken. Schon rein äußerlich. Betrachten Sie meine Handschrift,11 besonders die U-Haken und Doppelpunkte: Da steckt der ganze Hamburger Schauermann von 1911 drin.“
‒ Ringelnatz, Kleinere Autobiographische Schriften, Fünf Antworten auf Rundfragen, Ringelnatz-GW Bd. 5, S. 245
Ringelnatz ist zu seinen Lebzeiten vor allem für seine Kunstfigur Kutteldaddeldu, ihre verspielte und bisweilen bissige Art bekannt. Das Verspielte trägt er aber auch in andere Lebensbereiche mit. So hatte Hans Bötticher auch einen Siegelring ‒ und ganz in seiner künstlerischen Art prägte das Siegel nicht seine Initialen oder ein Wappen, sondern ein „Geheimzeichen“.
Siegel im Allgemeinen haben zwei Funktionen: Zunächst können sie ein Dokument oder einen Brief versiegeln und so dem Leser versichern, dass der Inhalt nicht verändert wurde, solange das Siegel nicht gebrochen bzw. geöffnet wurde. Die zweite Funktion ist im rechtlichen Kontext zu verorten: Siegel dienen bis heute der Beglaubigung von Urkunden, ähnlich wie eine Unterschrift. Das Wort „Siegel“ stammt aus dem Lateinischen (sigillum), was „kleines Zeichen“ oder „kleines Bild“ bedeutet, wobei jedoch insbesondere Wappen für die genannten Zwecke verwendet werden. Bei den Wappen gibt es allerdings schon eine beeindruckende Vielfalt: Allein in Westeuropa existieren zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert schätzungsweise 5 bis 7 Millionen verschiedene Siegelbilder.
Die ältesten bekannten Siegel kommen aus Mesopotamien und sind über 5000 Jahre alt. Diese frühen Siegel wurden v. a. auf Ton gedrückt ‒ dem wohl geläufigsten Schriftträger der Region zu dieser Zeit. In Europa wurde dieser Siegelstoff von den Griechen und Römern übernommen. Erst im Mittelalter kamen andere Siegelstoffe wie Bienenwachs auf, die bald mit Harz versetzt wurden, um die Robustheit gegenüber Umwelteinflüssen zu verbessern. Goldsiegel blieben Königen und Kaisern vorbehalten. Ab dem 16. Jahrhundert kommt Siegellack auf, der nach und nach andere Siegelstoffe verdrängt und noch heute dominiert.
Aus Siegellack besteht auch der Abdruck von Ringelnatz‘ Siegels mit „Geheimzeichen“. Er war einst ein Geschenk von Leonharda „Muschelkalk“ Gescher, der Witwe von Ringelnatz, an Fritz Schirmer. Fritz Schirmer (1904–1991) – Lehrer aus Halle (Saale) und leidenschaftlicher Bibliophiler ‒ baute eine der bedeutendsten privaten Joachim-Ringelnatz-Sammlungen auf und trug dafür über Jahrzehnte hinweg eine umfangreiche Dokumenten- und Literatursammlung zusammen, die das Leben und Werk des Dichters, Kabarettisten und Malers Joachim Ringelnatz umfassend dokumentiert. Er stand dabei in langjährigem und engem Briefwechsel mit „Muschelkalk“. Im Jahr 1991 kaufte das Museum Wurzen Schirmers hochkarätige Sammlung an. Sie bildet bis heute ein wichtiges Fundament für unseren Ringelnatzbestand. Aus diesem Ankauf stammt auch der Siegelabdruck.
Ringelnatz mit Siegelring, Bildarchiv KHM Wurzen, Inv.Nr.: VIII1045A aus der Sammlung von Fritz Schirmer© Bildarchiv KHM Wurzen, Inv.-Nr. VIII1045A; aus der Sammlung von Fritz SchirmerEs ist durchaus umstritten, was das abgebildete „Geheimzeichen“ genau bedeuten soll. Eine gängige Interpretation stammt vom Germanisten Walter Pape, der darin die stilisierten Buchstaben aus der deutschen Schrift „HB“ für Hans Bötticher sieht. Bei der abschließenden Klärung dieser Frage gibt es aber das Problem, dass Ringelnatz dieses Zeichen sehr oft aber nicht einheitlich verwendete, z. B. auf Einladungen, hinter seiner Unterschrift, aber auch bereits auf seinem Seesack von 1914 (siehe Objekt des Monats 2022). Es gibt also durchaus Unterschiede, wobei ein Siegelabdruck wie dieser jedoch Klarheit darüber gibt, wie das Zeichen „idealerweise“ aussehen sollte, da er hierfür extra einen Siegelring anfertigen ließ.
Literatur
Walter Pape, Joachim Ringelnatz. Parodie und Selbstparodie in Leben und Werk. Mit einer Joachim-Ringelnatz-Bibliographie und einem Verzeichnis seiner Briefe. (= Quellen und Forschungen. N. F. Band 62). Berlin/New York: de Gruyter 1974.
Dr. Clemens Regenbogen, Empfehlungen für eine digitale Erschließung mittelalterlicher Siegel am Beispiel des Landesarchivs Baden-Württemberg, Magdeburg 2020.
G. Rainer – Fröschl, Siegelkunde – Sphragistik, https://heraldikinfo.com/siegel.html, zuletzt aufgerufen am 27.08.2026.
Wikipedia, Das Siegel, https://de.wikipedia.org/wiki/Siegel, zuletzt aufgerufen am 27.08.202